Die Trainingsstunde - Stoßseufzer eines geplagten Trainers

Der Beginn

Eine typische Trainingsstunde beginnt mit dem Einmarsch der hochmotivierten Athleten in ihre Trainingsstätte (= Hallenbad).
Dem Trainer wird sogleich der Eifer und voraussichtliche Einsatz im Training mitgeteilt: "Uuch, eigentlich habe ich heute überhaupt keine Lust", "Ich schwimme heute ganz langsam, weil ich mich für eine Klausur schonen muß", "Ich gehe heute schon eine halbe Stunde eher; mein Auto kühlt sonst zu sehr ab", "Ich auch: Mein Fahrer muß eher weg", "Ich weiß nicht, ob ich das Einschwimmen überstehe; mein Kopf pendelt heute immer so".

Der Trainer sagt das Einschwimmen an: "200 m Lagen - 400 Kraul ..." - "Noch mal bitte; ich habe nicht zugehört" (ehrlich sind sie ja) - "Also: 200 Lagen - 400..." "Nicht so schnell - ich brauche Zeit zum Einhören." "200 Lagen - 400 Kraul locker..." - Uff, geschafft. - Trotzdem ist noch keiner im Wasser.
Einige nehmen eine erweiterte Auszeit unter der Dusche; anderen ist ihr Trainingselement zu kalt, zu naß, zu warm, zu wellig; ganz andere finden die richtige Bahn nicht: "Hier schwimme ich nicht, XXY schnauft immer so komisch", "Hier geht es auch nicht, XYZZ spritzt zu viel beim Schwimmen".

Das Training

15 Minuten nach Beginn ist auch der letzte im Wasser und für 10 Minuten können alle zusammen trainieren - dann gehen die ersten.

Ein herrliches Bild: der edle Schwimmerkörper entsteigt den Fluten, humpelt auf den Trainer zu und erklärt: "Mein Ohr piept wieder so und meine Oma sagte, Junge, paß bloß auf, daß dein Kopf bei diesem ganzen harten Sport nicht so viel abkriegt, bei den Boxern hört man es ja alle Nase lang, nicht , und...also ich muß jetzt gehen." Sprach's und verschwand. Anzunehmende Duschzeit: 30 Minuten.

Diejenigen, die weiterschwimmen und damit das wohldurchdachte, differenzierte und motivierende Programm abspulen, sparen nicht an Lob und zeigen ehrliche Bereitschaft, ihrem eigenen Wohl zuliebe das Beste zu geben: "Schon wieder 200er. Ich hasse 200er. Immer wenn ich komme, gibt es 200er. Darf ich das als persönliche Beleidigung auffassen? Laß uns doch 50er oder 25er machen - und mit viel Pause." "Bloß das nicht! Lieber eine Serie 400er. 400er sind geil! Am besten mit 15 Sekunden Pause nach jedem." "Lange Strecke - eklig. Wir haben doch bald Wettkampf; da müssen doch noch Spurts geschwommen werden, sonst sind wir nicht fit. Los, Spurts!"

Nach dem Dampf-Ablassen - es bleibt bei den 200ern - rauschen sie davon.

Als Trainer wünscht man sich des öfteren Wände, die elektrische Schläge austeilen können.
Dem Tempo der Wende wäre das sicherlich förderlich. Und daß ein Schwimmer ganz vergißt, die Wand wieder loszulassen ("Brille voll Wasser", "Badeanzug zu locker", "Wasser geschluckt") - das gäbe es nicht mehr.

Es gibt Leute, die schaffen es, sich zu 90 % durch das Training zu stehen.
Widerstandsfähige Charaktere, denen weder der Zuspruch des Trainers noch das Frieren etwas ausmacht. Sie blockieren mit Freude die Wende und erweitern dadurch den Kreis der Steher.
Ein allerliebstes Bild: 10 Mann im Bereich von 2 Metern vor und nach der Wende - der Rest der Bahn ist absolut leer.

Gemessen an den kleinen Problemchen des Trainers sind die Nöte der Schwimmer enorm.
Nicht nur, daß man im Schwimmsport wahnsinnig schnell altert (ab 20 ist man "Senior"); nein, Schwimmer entwickeln sich - zumindest für die Zeit, die sie im Wasser sind - zurück.
Aus Trainersicht einfachste Korrekturanweisungen ("führe deinen Arm gestreckt nach hinten") führen zu ungeahnten Ergebnissen.
Meistens wird der Beinschlag etwas stärker.
Auf die Frage, wo der Schwimmer denn seine Arme hätte, wird mit Unverständnis reagiert.

Überhaupt das Korrigieren-Lassen. Schwimmer sind da sehr hartnäckig und offenbaren hier besonders ihren Wettkampfgeist: Geglaubt wird erst mal, was ich selbst meine.
Überzeugen lassen sie sich erst nach der Anwendung von modernsten kriminaltechnischen Methoden: Beweisaufnahme per Video, Gegenüberstellung mit Zeugen und intensive Einzelgespräche.

Das Ende

...wird furchtbar sein. Denkste! Das Finish naht und alle, alle werden sie wach.
Überschüssige Kräfte werden in wettkampfnahen Übungsformen zielgerichtet zerbröselt - und dem Trainer fällt es wie Schuppen von den Augen: Seine Schwimmer haben etwas gelernt - - das was drittletzte Stunde geübt wurde!

Aber damit sind wir geplagten Trainer ja voll zufrieden.